Immer mehr Verwalter und Vermieter lesen Energieverbräuche selbst ab. Etablierte Messdienstleister unterstützen diesen Trend ebenso wie junge Start-ups. Letztere entwickeln oft gleich eine neue Technik dafür. Doch mittlerweile gibt es auch digitale Fernauslesung komplett ohne menschliches Zutun. Kann deshalb Selbstablesung eine langlebige Lösung sein? Welche potenziellen Probleme birgt sie? Was ist die Rolle des Gesetzgebers? Und: Wer macht dabei eigentlich den Gewinn? Eine Spurensuche.

Zunächst einmal: Der Markt für Selbstablesungen wächst. „Im nordamerikanischen Raum, in Kanada und den USA, haben wir einen stabilen Footprint für Selbstablesung. Auch im EU-Raum sind die Märkte für Selbstablesung wachsend, trotz der Smart Meter Rollouts“, schätzt Bernhard Reiterer, Utility-Spezialist bei Selbstablesungs-Software-Entwickler Anyline, der mit Anyline 11 eine auf Javascript basierende Lösung am Markt hat. „Bei uns sind allein im letzten Jahr 700.000 Selbstableser dazugekommen“, freut sich Peter Backes, Geschäftsführer von co.met, mit 7,5 Millionen selbst abzulesenden Zählerstellen hiesiger Marktführer. Kein Wunder. Die neue Ablesewelt ist bequem. Und sie kommt den Ablesern entgegen, zumindest, wenn sie handyaffin sind. Doch das sollte ja auf fast alle Mitbürger zutreffen. Bei co.met erfolgen inzwischen 45 Prozent aller Selbstablesungenauf digitalen Wegen.

Doch das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. „Dies mag alles auf den ersten Blick nach Digitalisierung klingen, ist aber die Optimierung eines im Grunde falschen und altertümlichen Prozesses“, meint Hans-Lothar Schäfer, Geschäftsführer von Qivalo. Nach wie vor müsse der Mieter ablesen. Das würde nicht immer funktionieren, da weiterhin Fehler- und Manipulationsmöglichkeiten gegeben seien. Auch künftige Anforderungen nach Verbrauchstransparenz würden nicht erfüllt.
Und weitergedacht: Das ständige Monitoring aller Messgeräte inklusive der Rauchwarnmelder sei ebenso wenig möglich wie die Einbindung der Gebäudetechnik zur Heizungsüberwachung und deren Optimierung. Das Mannheimer Unternehmen, das sich als Alternative zu etablierten Messdienstleistern versteht, setzt deswegen auf eine Verbindung zu einem Smart Meter Gateway. Damit, so Schäfer, wird gleich das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende erfüllt. „Bisher überlässt der Vermieter das Thema Smart Metering den Versorgern. Das führt zu mehreren Lösungen im Haus, mit Problemen bei Mieterwechsel und in der Zählerinstallation“, so Schäfer.

Hinzu kommt gerade auch in der Wohnungswirtschaft ein verändertes Kundenverhalten. „Die Mieter sind einfach nicht mehr bereit, auf einen Ableser zu warten“, so Backes. Auf der anderen Seite gebe es auch kaum noch Studenten, die den Ablesejob machen wollten. Da der Smart Meter Rollout, der aber nur die elektrischen Verbräuche beträfe, noch auf sich warten lasse, würden die Kunden die derzeit praktikabelste Lösung suchen. Und das seien zum einen Funkzähler oder eben die Kundenselbstablesung. Damit die Daten problemlos übermittelt werden können, hat co.met ein eigenes Kommunikationsnetz nach dem Standard Long Range Wide Area Network (LoRaWAN) ist die niedrige Investitionsschwelle. Denn letztlich werden nur Messfühler ausgetauscht, die sowieso von Zeit zu Zeit gewechselt werden müssen. Hinzu kommt die Verbindung zum Gateway. Qivalo arbeitet hier mit einem pauschalen Tarif. Alle Daten sind in einer Cloud verfügbar. Der Kunde kann daraus Rechnungen, ein Energiemonitoring oder aber auch Energieausweise erstellen. „Das Smart Metering muss man heute schon mitdenken. Denn Gebäude haben eine Betriebsdauer von zehn Jahren. Da wäre es falsch, zwei Infrastrukturen, eine für das Smart Metering und eine für das normale Metering, zu installieren“, so Schäfer.

Im Zuge des Smart Meter Rollouts, der zuerst nur etwa zehn Prozent aller Wohnungen, nämlich jene mit mehr als 6.000 kWh Jahresverbrauch, betrifft, rücken auch Lösungen in den Vordergrund, die auf die dafür nötigen Smart Meter Gateways setzen. Denn diese können die Messdaten erkennen und übermitteln.

Die Vermieter, bisher beim Messgeschäft außen vor, könnten vom Smart Meter Rollout profitieren. „Der Bedarf am Markt nach mehr Unabhängigkeit und eigener Wertschöpfung in der Messdienstleistung wächst“, so Schäfer. Und das betrifft alle Teile der Prozesskette vom Gerätemanagement über die Ablesung und Datenbereitstellung bis hin zur Abrechnung. Wichtig ist der Einsatz einer gut gemanagten Gesamtlösung, die Unabhängigkeit durch offene Technologien wie OMS-Funk sicherstellt. Nur das ermöglicht eigene Wertschöpfung mit hoher Automatisierung und ist zukunftsfähig. „Wir erleben eine steigende Nachfrage nach einer solchen gemanagten Gesamtlösung und der Selbstabrechnung“, so Schäfer. Dabei sieht Qivalo den Gewerbebereich als Vorreiter beim Bedarf nach der Bündelung sämtlicher Medien vom Haupt- bis zu allen Unterzählern. Hier spielen die Transparenz der Verbrauchswerte, aber auch die automatisierte Abrechnung eine große Rolle.
Den Fokus im wohnungswirtschaftlichen Bereich sieht Qivalo stattdessen in der Prozesseffizienz und beim Wegfall der Abstimmung mit einem Abrechnungsdienstleister. Zusätzlich gibt es für Verwalter die Möglichkeit der Wertschöpfung. Mit dem Einbau der Smart Meter Gateways in den Gebäuden wird auch hier die medienübergreifende Lösung mehr in den Blickpunkt rücken. Die gemanagte Infrastruktur mit automatisierter Ablesung und integrierter Abrechnung lohnt sich aber für jeden Kunden. Nur bei sehr großen wohnungswirtschaftlichen Kunden mag das Insourcing der gesamten Messdienstleistung eine Option sein. Aufgrund der Komplexität, der nötigen Investitionen und fehlender Skalierung lohnt sich der Vergleich mit einem spezialisierten Anbieter aber auch hier.

  

Vollästinger Bericht in ImmobilienWirtschaft: "Selbstablesung: Win-Win Situation oder nur Zwischenlösung?"